Mittwoch, 19. August 2009

Matt Taibbi - the great American Bubble Machine (auf deutsch)

Die große amerikanische Spekulationsblasen-Maschine

Vom Tech-Crunch bis zur Explosion des Ölpreises, Goldman Sachs hat jede folgenschwere Markmanipulation seit der Großen Depression mitkonstruiert– und sie werden es wieder tun.

Von Matt Taibbi (übersetzt aus dem Englischen)

Das erste was sie über Goldman Sachs wissen sollten ist folgendes: Goldman Sachs ist überall. Die größte Investment Bank der Welt hat sich wie eine gigantische Krake um das Gesicht der Menschheit geschlungen und greift mit seinen Armen nach allem was nach Geld riecht. Es ist eine Armee von Vampiren. Und tatsächlich liest sich die Geschichte der aktuellen Finanzkrise, die stellvertretend für die Geschichte des bis auf den letzten Cent betrogenen Amerikas steht, wie ein Adressbuch der Goldman Vampire:

Als letzter Finanzminister unter George Bush war der ehemalige Goldman CEO Henry Paulson der Architekt des Bail Outs, eines verdächtig eigennützigen Plans um Milliarden von Dollars einer Handvoll alter Wall Street Kumpels rüber zu schieben. Robert Rubin, Bill Clintons ehemaliger Finanzminister, arbeitete 26 Jahre für Goldman bevor er CEO der Citigroup wurde – die wiederum 300$ Milliarden aus Paulsons Bail Out Paket beanspruchte. Dann wäre da John Thain, Chef von Meryll Lynch und Oberarschloch, das ein Jahr bevor seine Firma implodierte 83$ Millionen durch Bonuszahlungen verdiente, ein ehemaliger Goldman Banker. Thain kam eine Milliardenspritze von Paulson zu Gute, der nämlich stellte der Bank of America Milliarden von Steuergeldern zur Verfügung um zu übernehmen was von Meryll Lynch übrig war.

Und Robert Steel natürlich, Ex Goldman Banker und Chef von Wachovia, der für sich und den Rest des Vorstands 225$ Millionen Abfindung heraus schlug, während sich seine Firma im Nichts auflöste. Und es gibt Joshua Bolten, Bush’s Stabschef während des Bail Outs, und Mark Patterson, Stabschef das Finanzministeriums, noch vor einem Jahr Goldman Lobbyist, und Ed Liddy, ehemaliger Goldman Aufsichtsrat, der von Paulson die Verantwortung für den im Zuge des Bail Out geretteten Versicherer AIG übertragen bekam, und als erste Amtshandlung 13 Milliarden zurück an Goldman überwies. Die Chefs der kanadischen und italienischen Nationalbank, Goldman, der Chef der Weltbank, Goldman, der Chef der NYSE (New York Stock Exchange), Goldman, die zwei letzten Chefs der Federal Reserve Bank of New York – unter deren Aufsicht ganz im Sinne einer unabhängigen Bankenaufsicht Goldman Sachs fällt – beide Goldman, und so weiter... .

Aber egal, der Versuch hier alle Ex Goldmans in einflussreichen Positionen aufzuzählen wäre ein absurdes Unterfangen, als mache man eine Liste aller Termiten in einem Termitenhaufen.

Das eigentlich Wichtige ist, während Amerika langsam aber sicher im Abfluss verschwindet, hat Goldman Sachs einen Weg gefunden der Abfluss zu sein - ein verhängnisvolles Schlupfloch, in einem westlich demokratischen System, das nicht vorhergesehen hatte, wie erbarmungslos organisierte Gier unorganisierte Anständigkeit auffrisst.

Die schiere Macht und die beispiellose Reichweite ihrer Krakenarme haben es der Bank ermöglicht ganze Wirtschaftszweige über Jahre hinweg zu manipulieren. Die Rechnung dafür – hohe Ölpreise, steigende Konsumentenkreditraten, leere Pensionsfonds, Entlassungswellen, zukünftige Steuern um den Bail Out zu finanzieren – wird auf die Allgemeinheit abgewälzt. All das Geld, dessen Verlust Land auf Land ab beklagt wird, fließt irgendwo hin. Genau dort sitzt Goldman Sachs. Die Bank ist eine über die Jahre perfektionierte Maschine, die gesellschaftliches Gut in obszöne Profite reicher Einzelpersonen verwandelt.

Die Methode ist stets die Gleiche. Goldman platziert sich in der Mitte einer Spekulationsblase und verkauft faulige Investments. Diese saugen wie ein trockener Schwamm das Geld aus den unteren und mittleren Schichten der Gesellschaft. Das Ganze geschieht mit Billigung eines korrupten Staates, der für ein paar Gefälligkeiten – Wahlkampfspenden, Reisen, Posten nach der Amtszeit, Prostituierte – und, teilweise in offensichtlicher Personalunion, erlaubt die Regeln zu ändern, wie es gebraucht wird. Und schließlich, wenn alles hoch geht und Millionen von Bürgern beraubt und gefeuert auf der Straße stehen, dann kommen sie wieder zur Rettung geritten, leihen uns unser eigenes Geld gegen Zinsen, geben sich als Ehrenmänner aus, erhaben über Gier, einfach ein Haufen verdammt schlauer Burschen die das Rad am Laufen halten. Seit den 20ern waren sie auf diese Weise in alle 5 großen Wirtschaftsblasen verstrickt. Es gab bei jeder dieser Blasen eine Menge Verlierer, aber Goldman gehörte nie dazu.

Blase # I – Die Große Depression

Goldman war nicht schon immer der Zu-Groß-Zum-Scheitern Wall Street Gigant, das unbarmherzige Gesicht des Töte-oder-Sterbe Kapitalismus auf Steroiden. Die Bank wurde 1869 vom deutschen Immigranten Marcus Goldman gegründet, der sie zusammen mit seinem Schwiegersohn Samuel Sachs aufbaute. Sie waren Vorreiter im Ausgeben von Handelspapieren, was nichts anderes bedeutete, als dass sie ihr Geld damit verdienten kleinen Geschäftsleuten in Manhatten Kredite über kurze Zeiträume zu geben.

Goldman Sachs erste 100 Jahre sind die typisch amerikanische Geschichte von harter Arbeit, einem Quentchen Glück, von Immigranten, die sich am eigenen Schopf aus dem Dreck ziehen und am Ende vor einem Berg von Geld stehen. An dieser ganzen Geschichte gibt es eigentlich wenig auszusetzen, lediglich im Lichte aktueller Ereignisse tritt ein dunkler Fleck wieder zu Tage: Goldman’s katastrophaler Ausflug in die Spekulationsblase der Wall Street kurz vor deren Zusammenbruch in den späten 1920ern.

Diese Urkatastrophe aller Finanzkatastrophen hatte ein paar Eigenschaften die einem inzwischen bekannt vorkommen. Damals hieß das Hauptinstrument um Investoren zu berauben „Investment Trust“. Ähnlich wie heute Anlagefonds nahm ein „Investment Trust“ Geld von großen und kleinen Investoren, und, so lautete die Theorie, investierte es in eine Mischung von Aktien und was es sonst noch an der Wall Street gab. Welche Aktien in welchen Stückzahlen gekauft wurden war meist nicht öffentlich. (Die Logik dahinter war, dass man den „Investment Trust“ und seine von Experten getroffenen Kaufentscheidungen sonst kopieren könnte.)

Hier begann ein Verhaltensmuster, das sich Ende der 90er und von da an in immer kürzeren Abständen wiederholen sollte. Goldman stieg spät ins „Investment Trust“ Geschäft ein. Dafür mit beiden Füßen voraus. Die „Goldman Sachs Trading Corporation“ mit einem Kapital von 100 Millionen Dollar, verteilt auf 1 Millionen Aktien, wurde am 4. Dezember 1928 gegründet. Goldman kaufte 100% der Aktien und gab dann 90% der Aktien zum Preis von 104$ pro Stück ab. Die „Goldman Sachs Trading Corporation“ benutzte ihre freies Kapital vor allem um ihre eigenen Aktien zu kaufen und trieb so den Preis künstlich in die Höhe. Am 7. Februar, rund 2 Monate nach Gründung, betrug der Preis pro Aktie 224$ Dollar. Schließlich verkaufte die Trading Corporation große Teile ihres Aktienspakets von sich selber und setzte mit dem erlösten Kapital die „Shenendoah Corporation“ ins Leben. Auf ähnliche Weise gründete „Shenendoa“ die „Blue Ridge Corporation“. Von den 7.250.000 Aktien der „Blue Ridge Corporation“, gehörten 6.250.000 „Shenendoah“ – wobei „Shenendoah“ zu großen Stücken der „Goldman Sachs Trading Company“ gehörte.

Das Resultat war ein Konstrukt aus geliehenem Geld, ein klassisches Schneeballsystem. Die Grundidee ist folgende. Man nimmt einen Dollar und leiht sich damit irgendwo neun Dollar. Mit diesen 10$ leiht man sich woanders 90$. Jetzt nimmt man den neuen 100$ „Investment Fund“ und macht weiter, leiht sich 900$. Wenn der letzte Fund innerhalb dieser Kette an Wert verliert, fehlt das Geld um den Investoren ihre Dividende auszuschütten und alles bricht zusammen wie ein Kartenhaus.

In einem Kapitel aus dem Buch „The Great Crash, 1929“ mit dem Titel „In Goldman We trust“ (in Anlehnung an den Wahlspruch auf dem 1 Dollar Schein – „In God We Trust“) nennt der renommierte Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith den Shenendoah und Blue Ridge Trust die Geburt des Wahnsinns stark fremdfinanzierter Investments. Die Trusts, schreibt er, waren eine der Hauptursachen für den historischen Crash der Jahre 1929-1931. Die Verluste der Bank beliefen sich in heutiger Währung auf rund 475 Milliarden Dollar. „Man muss den Einfallsreichtum der in diesem Wahnsinn biblischen Ausmaßes steckt bestaunen,“ bemerkt Galbraith, und rückt die Aussage so gleich in größere Zusammenhänge. „Sei es auch Wahnsinn, in diesen Dimensionen hat er was für sich.“

Blase # 2 - Technologiewerte

65 Jahre später. Goldman überlebte den Zusammenbruch, der für soviele der von Ihnen betrogenen Investoren das Aus bedeutete, nicht nur, es stieg zum führenden Underwriter der reichsten und mächtigsten Unternehmen des Landes auf. Dank Sidney Weinberg, der vom Hausmeisterassistent zum Vorstandsvorsitzenden aufstieg, wurde Goldman zum Vorreiter im Gebiet der Initial Public Offerings, einer der wichtigsten und lukrativsten Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen. Während der 1970er und 1980er Jahre mag Goldman noch nicht der galaxienverschlingende Todesstern mit dem politischen Einfluss von heute gewesen sein, allerdings ein höchst angesehenes Unternehmen das im Ruf stand die klugsten Köpfe anzuziehen.

Seltsamerweise hatte es auch den Ruf auf einem festem ethischem Fundament zu stehen, langfristige Investmentziele zu verfolgen und das schnellen Geld zu verschmähen. Die Vorstände wurden gedrillt das Firmenmantra der „langfristigen Gier“ zu verinnerlichen. Ein ehemaliger Goldman Banker der die Firma Anfang der der 1990er verlies, erinnert sich wie seine Vorgesetzten ein sehr profitables Geschäft aus dem Grund ablehnten, dass es sich langfrisitg um ein Verlustgeschäft handeln würde. „Wir erstatteten wichtigen Firmenkunden die schlechte Geschäfte mit uns abgeschlossen hatten Geld zurück“ sagt er. „Alles was wir taten war legal und angemessen aber die ´langfrisitge Gier´ gebot es keine Gewinne auf Kosten der Kunden zu machen, die auf lange Sicht den Markt zerstören würden.“

Aber dann passierte irgendetwas. Es ist schwer zu sagen was genau passierte. Es mag daran gelegen haben, dass einer von Goldmans Vorsitzenden in den 1990er Jahren, Robert Rubin, Bill Clinton ins Weisse Haus folgte, wo er den nationalen Volkswirtschaftlichen Rat leitete und später zum Finanzminister aufstieg. Während die amerikanischen Medien sich noch an der Schlagzeile über das Pärchen der in den 60iger Jahren geborenen, Fleetwood Mac (1966 gegründete Bluesrockband) hörenden Baby-Boomer und ehemaligen Hippies erfreute die sich im Weissen Haus einnisteten, wuchs zeitgleich auch die unverhohlene Verehrung von Rubin, der zur klügsten Personen auf Erden erkoren wurde – mit weitem Abstand vor Newton, Einstein, Mozart und Kant.

Rubin war der Prototyp eines Goldman Bankers. Als sei er in einem $4000 Anzug geboren worden, mit einem permanent versteinerten Gesichtsausdruck versehen, fast geneigt sich für seine alles überragende Intelligenz zu entschuldigen. Er kultivierte eine Spockartige, vollkommen emotionslose Fassade als Ideal der Wirtschaftsintelligenz. Das einzige menschliche Gefühl das man sich bei Ihm vorstellen konnte, waren die Albträume über die Vorstellung Economy-Class fliegen zu müssen.

Es wurde beinahe zum nationalen Klichée, dass was auch immer Rubin im Sinne hatte gleichzeitig das beste für die Wirtschaft wäre – ein Phenomän das 1999 seinen Höhepunkt erreichte als Rubin zusammen mit dem stellvertretenden Finanzminister Larry Summers und dem Präsidenten der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan, auf der Titelseite der Time unter dem Titel „Das Weltrettungskomittee“ erschien. Und Rubin dachte in erster Linie dass die amerikanische Wirtschaft und insbesondere die Finanzmärkte überreguliert seien und liberalisiert werden müssten.

Während seiner Dienstzeit im Finanzministerium traf die Clinton Administration einige Entscheidungen die für die Weltwirtschaft schwere Konsequenzen haben sollten, angefangen bei der totalen Verfehlung Rubins‘ seinen alten Arbeitsgeber für die erstmals aufkeimende perverse Gier nach schnellen Gewinnen zu bestrafen.

Das grundlegende Betrugsschema zu Zeiten des Internetbooms ist selbst für den in Finanzfragen Unbedarfeten leicht zu verstehen. Unternehmen die nicht mehr waren als von übernächtigten Kiffern auf Servietten gekritzelte Schnappsideen wurden durch IPO’s an die Börse gebracht, in den Medien hochgejubelt und für Abermillionen ans Börsenpublikum verkauft. Es war als ob Banken wie Goldman Wassermelonen schmückten um sie anschliessend aus dem fünfzigsten Stock eines Hochhauses zu werfen und die Telefonleitungen für Angebote freizuschalten. In diesem Spiel waren nur diejenigen Gewinner, die sich auszahlen liessen bevor die Melone auf der Strasse zerschellte.

Im Nachhinein ist es offensichtlich, aber was der normale Investor damals nicht wusste ist, dass die Banken die Spielregeln geändert hatten und Investments besser aussehen liessen als diese tatsächlich waren. Sie taten dies indem sie ein Zweiklassenanlagesystem aufbauten – eins für Insider welche die wahren Zahlen kannten und eins für Laieninvestoren, die dazu eingeladen waren den emporschnellenden Preisen hinterherzurennen von denen die Banken wussten dass sie nicht der Wahrheit entsprachen. Während sich Goldman später darauf spezialisierte aus Gesetzesänderungen Kapital zu schlagen war die aussschlaggebende Neuerung während des Internet Booms die Aufgabe der Qualitätskontrolle und der branchenüblichen Normen. „Seit der Großen Depression gab es strenge Underwriting Richtlinien an die sich die Wall Street Banken bei der Börsenzeichnung von Unternehmen hielten“ sagt ein bedeutender Hedge-Fund Manager. „Das Unternehmen musste seit mindestens fünf Jahren existieren und es musste für mindestens drei aufeinanderfolgende Jahre Gewinne ausweisen können. Aber die Wall Street Banken warfen diese Grundsätze über Bord.“ Goldman vertuschte dies indem sie die die Mogelpackungen künstlich aufblähten. „Ihre Analysten verbreiteten überall, dass Bullshit.com Aktien $100 wert seien.“

Das Problem war, dass niemand die normalen Anleger darauf hingewiesen hatte, wie sich die Spielregeln geändert hatten. „Jeder im Geschäft wusste darüber Bescheid“ sagt jener Fond Manager. „Bob Rubin kannte die Zeichnungsrichtlinen verdammt genau, sie wurden seit den 30er Jahren angewendet.“

Jay Ritter, ein Professor für Finanzwesen an der Universität von Florida mit Spezialgebiet IPO’s, behauptet dass Banken wie Goldman ganz genau wussten, dass viele der Börsenzeichnungen die sie betreuten niemals einen Cent abwerfen würden. „Anfang der Achziger bestanden die Banken darauf, dass Unternehmen vor der Börsennotierung mindestens in drei aufeinanderfolgenden Jahren Gewinne auswiesen. Dann war es ein Jahr, später ein Quartal. Zu zeiten der Internetblase setzten sie noch nicht ein mal Profitabilität in der nahen Zukunft vorraus.“

Goldman stritt ab während des Internet Booms seine Zeichnungsrichtlinien geändert zu haben, aber Ihre eigene Statistik widerlegt diese Aussage. Genau wie mit den Investment Trusts in den 1920er Jahren stieg Goldman auch während des Internet Booms langsam ein und stand am Ende als Krösus da. Nachdem sie ein unbekanntes Unternehmen mit schlechten Zahlen namens Yahoo! 1996 an die Börse führten als der Internet Boom bereits in vollem Gange war, wurde Goldman schnell zum IPO Giganten der Internetära. Von den vierundzwanzig Unternehmen, die sie 1997 an die Börse führten verzeichneten ein Drittel zum Zeitpunkt der Börsenzeichnung Verluste. Zum Höhepunkt des Booms, 1999, fühte Goldman siebenundvierzig Unternehmen an die Börse, unter anderem Totgeburten wie z.B. Webvan oder eToys – Investments die in vielerlei Hinsicht moderne Pendants zu Blue Ridge oder Shenandoah darstellten. Im folgenden Jahr führten sie im ersten Quartal achtzehn Unternehmen an die Börse von denen vierzehn zu diesem Zeitpunkt Verluste machten.

Als führender Underwriter von Technologiewerten zur Zeit des Internetbooms lieferte Goldman wesentlich höhere Gewinne als die Konkurrenz. 1999 sprang der Aktienkurs einer IPO von Goldman um durchschnittlich 281% über den ursprünglichen Zeichnungspreis, die der anderen Wall Street Banken im Vergleich dazu um nur 181%.

Wie konnte Goldman solche aussergewöhnlichen Ergebnisse erzielen? Eine Antwort ist die Anwendung der sogenannten „laddering“ Methode – kurzgesagt der Manipulation des Kurses neugezeichneter Aktien. Und das funktionierte so: Nehmen Sie an, sie sind Goldman Sachs und Bullshit.com kommt zu Ihnen, um sie zu bitten das Unternehmen an die Börse zu führen. Sie stimmen den üblichen Geschäftsbedingungen zu: Sie setzen den Zeichnungspreis für die Aktie und wie viele Aktien angeboten werden sollen fest und nehmen den Geschäftsführer von Bullshit.com mit auf eine Road-Show um potentielle Investoren zu umgarnen – alles gegen eine beträchtliche Gebühr (typischerweise sechs bis sieben Prozent des gezeichneten Kapitals). Dann sagen Sie Ihren besten Kunden zu, dass sie große Teile des IPOs für einen niedrigeren Preis zeichnen dürfen – angenommen Bullshit.com’s Öffnungspreis ist $15 – um im Gegenzug zu versprechen, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt mehr Aktien auf dem offenen Markt kaufen. Diese scheinbar einfache Aufforderung gibt Ihnen Insiderwissen über die zukünftige Entwicklung des IPO – Wissen, das den einfachen Day-Tradern fehlt, denen als einzige Entscheidungsgrundlage der Zeichnungsprospekt dient. Sie dagegen wissen, dass einige Ihrer Kunden, die für $15 X Aktien gekauft haben bei einem Kurs von $20 oder$25 eine zusätzliche Anzahl von Y Aktien kaufen werden und somit praktisch garantieren, dass der Aktienkurs mindestens über $25 schiessen wird. Auf diese Weise konnte Goldman den Preis des neuen Unternehmens künstlich aufblasen, wovon die Bank selbstverständlich profitierte – sechs Prozent eines $500 Millionen IPOs sind ein Batzen Geld.

Goldman wurde in mehreren IPOs von Anlegern wiederholt für die Anwendung der „laddering“ Methode verklagt, auch bei den IPOs von Webvan und NetZero. Diese betrügerischen Machenschaften kamen auch Nicholas Maier zu Ohren, dem Syndikatsmanager von Cramer&Co, dem Hedge-Fund der zur damaligen Zeit vom mittlerweile als schwachsinnigen Fernsehmoderator berühmten Jim Cramer geführt wurde, seienerseits auch Goldman Alumni. Maier sagte vor der SEC aus, dass er in der Zeit von 1996-1998, als er bei Cramer angestellt war, mehrfach dazu gezwungen wurde sich an den „laddering“ Praktiken bei Goldman IPOs zu beteiligen. „Von meinem Eindruck her ist Goldman der Haupttäter“ sagt Maier. „Sie haben die Blase ganz und gar angefächert. Und genau dieses Verhalten hat zum Zusammenbruch des Marktes geführt. Sie haben diese Werte auf Sand gebaut, manipulierten die Kurse weiter nach oben und letztendlich waren es die kleinen Anleger die investierten.“ 2005 stimmte Goldman $40Millionen an Strafzahlungen für den Gebrauch der „laddering“ Strategie zu, eine lächerliche Strafe im Vergleich zu den Gewinnen die gemacht wurden. (Goldman, die jegliches Fehlverhalten in allen beigelegeten Verfahren abstreiten, weigerten sich auf Fragen im Zusammenhang mit diesem Bericht zu antworten)

Eine weitere Geschäftspraktik in der sich Goldman während des Internetbooms betätigte war „spinning“, besser bekannt als Bestechung. Die Investment Bank bot hier den Vorständen der gerade an die Börse geführten Unternehmen Aktien im Tausch gegen zukünftige Geschäfte besonders günstig an. Die beteiligten Banken setzten den Ausgabepreis dann zu niedrig an, um sicherzustellen dass der Preis dieser begehrten und an Insider verteilten Papiere schnell in die Höhe schiessen würde und den wenigen Auserwählten damit höhere Gewinne am Ausgabetag zu ermöglichte. Anstatt Bullshit.com somit für $20 auszugeben bot die Bank dem CEO eine Millionen Aktien seines Unternehmens zum Preis von $18 um sich im Gegenzug zukünftige Aufträge zu sichern. Damit bestohl man letztendlich alle neuen Anteilseigner an Bullshit.com indem man Unternehmensgelder auf das Privatkonto des CEO abzweigte. In einem Fall machte Goldman angeblich ein Multimillionen Dollar Angebot an eBay CEO Meg Whitman, die später dem Goldman Aufsichtsrat beitrat, im Tausch gegen zukünftige Investmentbanking Aufträge.

Laut dem Bericht des House Financial Services Komittee von 2002 gab Goldman spezielle Aktienpakete an Vorstände von 21 Firmen aus die sie an die Börse führten, auch an Yahoo! Mitgründer Jerry Yang und zwei der schleimigsten Schurken zu Zeiten der großen Finanzskandale – Dennis Kozlowski von Tyco und Ken Lay von Enron. Goldman stritt diesen Bericht wütend als eine „unerhörte Verdrehung der Tatsachen“ ab – kurz bevor sie $110Millionen zahlten um die Untersuchung der Vorwürfe des „spinning“ und der Marktmanipulation seitens des Staates New York aussergerichtlich beizulegen. „Das „spinning“ von heiss gehandelten IPOs war keine harmlose Nebenleistung unter Unternehmen“ sagte der damalige Generalstaatsanwalt Eliot seinerzeits. „Stattdessen war es Grundbestandteil eines betrügerischen Komplotts um sich neue Investmentbanking Aufträge zu sichern.“

Solche Praktiken trugen dazu bei die Internet-Blase zu einem der größten finanziellen Desaster der Weltgeschichte zu machen. Ein Vermögen von circa $5Billionen wurde allein an der NASDAQ vernichtet. Aber das wahre Problem war nicht das Geld das die Aktionäre verloren hatten - es war das Geld das die Investmentbanker in Form von deftigen Bonuszahllungen dafür verdienten an den Märkten herumzupfuschen. Anstatt der Wall Street eine Lektion zu erteilen dass sich Spekulationsblasen immer in Luft aufwandeln würden, zeigten die Internetjahre den Bankern dass sich diese Blasen in Zeiten des frei fliessenden Kapitals und der Aktiengesellschaften sehr leicht aufblähen liessen und das individuelle Bonuszahlungen sogar mit der Manie und irrationalität größer wurden.

Und dies traff nirgendwo besser zu als bei Goldman. Zwischen 1999 und 2002 zahlte das Unternehmen $28,5Milliarden an Gehältern und Zusatzzahlungen aus – durchschnittlich ca. $350,000 per Mitarbeiter pro Jahr. Diese Zahlen sind wichtig da sie ein wichtiges Vermächtnis des Internet Booms vor Augen führen – die Wirtschaft wird von nun an vom Streben nach ungeheuren Gehältern und Bonuszahlungen angetrieben die solche Blasen erst ermöglicht. Goldmans‘ Mantra vom der „langfristigen Gier“ ging in Luft auf als es darum ging seinen Gehaltsscheck zu sichern bevor die Melone auf der Strasse zerschellte.

Der Markt war nicht mehr länger ein rational geleiteter Platz an dem reale, gewinnbringende Unternehmen wachsen konnten. Es war ein riesiger Ozean von anderer Leute Geld, in dem sich Banker mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln große Summen einverleibten und versuchten dieses Geld schnellstmöglich in Boni oder andere Auszahlungen umzuwandeln; egal ob man 50 Internet IPOs manipulierte und aufblähte die innerhalb eines Jahres bankrott waren. Denn bis die SEC (Securities and Exchange Comission) es schaffte ihr Unternehmen mit einer $110 Millionen Strafe zu belegen war die Yacht, die Sie sich von den damaligen IPO Bonuszahlungen kauften, schon sechs Jahre alt. Ausserdem waren Sie zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich schon längst bei Goldman ausgestiegen und leiteten das Finanzministerium oder den Staat New Jersey. (Einer der wenigen wirklich komischen Momente in der Geschichte von Amerikas jüngstem Finanzkollaps war als Jon Corzine, Gouverneur von New Jersey, der Goldman von 1994 bis 1999 leitete und sich mit einem $320Millionen schweren, an IPOs gemästeten, Aktienpaket verabschiedete, 2002 behauptete: „Den Begriff „laddering“ habe ich zuvor nie gehört.“)

Für eine Bank die im Jahr $7Milliarden an Gehältern auszahlte war eine Strafzahlung von $110Millionen, die erst ein halbes Jahrzehnt später verhängt wurde, keine Abschreckung sondern vielmehr ein Witz. Als die Internetblase zerplatzte hatte Goldman keinen Anreiz seine neue gewinngetriebene Strategie zu überdenken – sie suchten sich einfach eine neue Blase die sie aufblähen konnten. Wie sich herausstellte gab es bereits eine, und Rubin hatte großen Anteil daran.

Bubble 3 – Die Immobilien Blase, auch bekannt als „Subprime Crisis“

Goldmans Rolle in dem globalen Desaster, das die Immobilienkrise war, ist leicht auszumachen. Wieder ein Mal bestand der Trick darin, die geltenden Richtlinien zur Vergabe von Geldern drastisch zu lockern. Hier ging es allerdings nicht um die Richtlinien für IPOs, sondern um die Richtlinien für Hypotheken. Jahrzehntelang war es üblich, dass Banken eine 10%tige Anzahlung für einen Kredit zum Häuserkauf verlangten. Dazu einen Einkommensnachweis, eine geprüfte Kreditwürdigkeit, und einen echten Vor -und Nachnamen. In der Morgendämmerung des neuen Jahrtausends wurden all diese Hindernisse dann plötzlich aus dem Fenster geworfen und man begann Hypotheken auf der Rückseite von Bierdeckeln auszustellen. In Frage für eine Hypothek kam jeder der den Stift zum unterschreiben noch halten konnte.

Diese neue Ära der Sorglosigkeit wäre nicht möglich gewesen ohne Investment Banker wie Goldman, die Finanzvehikel erfanden in denen sie haufenweise faulige Hypotheken zusammenfassten und dann gebündelt an ahnungslose Pensionsfonds oder Versicherer verkauften. Daraus entstand ein Massen Markt für faule Hypotheken, den es sonst nie gegeben hätte. In den alten Zeiten hätte keine Bank ihre Bücher voller Kredite an Unbekannte haben wollen, wissend wie wahrscheinlich es war, dass das Geld verloren war. Mit anderen Worten, man konnte diese Kredite nur vergeben, weil man sie eine Woche später jemand verkaufte, der keine Ahnung hatte was sie waren.

Goldman verschleierte was sie dort wirklich verkauften auf zwei Arten. Zuerst warfen sie hunderte Hypotheken in ein Finanzvehikel genannt „Collaterized Debt Obligations“, dann überzeugten sie Investoren von der Idee, dass ein paar der Kredite schon bezahlt werden würden und man sich daher alles in allem wenig sorgen müsste. Der „CDO“ in seiner Gesamtheit war gesund. So wurden aus löchrigen Hypotheken als AAA-eingestufte Investments. Zweitens, um sich gegen seine eigenen in den Büchern verbliebenen Hypotheken abzusichern, schloss Goldman bei Firmen wie AIG so genannte „Credit Default Swaps“ auf die „CDOs“ ab. Diese Swaps stellten ein Kopf an Kopf Rennen zwischen AIG und Goldman dar. Goldman wettete die Kredite würden defaulten (i.e. ausfallen), AIG wettete auf das Gegenteil.

Es gab nur ein Problem. Diese ganzen Geschäftemachereien waren genau die Art von Spekulationen, die staatliche Aufsichtsbehören unterbinden sollten. Finanzderivate wie „CDOs“ und „CDSs“ hatten bereits einige finanzielle Verheerungen angerichtet: Proctor&Gamble und Gibson Greetings verloren beide ein Vermögen, die Gemeinde Orange County, California musste 1994 gar Bankrott anmelden. Eine Studie des „Government Accountability Office“ aus diesem Jahr empfahl solche Finanzinstrumente von nun an streng zu regulieren - und im Jahre 1998 stimmte der Chef der „Commodity Futures Trading Commission“, Brooksly Born, den Regulierungsvorschlägen zu. Im Mai versandte sie einen Brief an Wirtschaftsführer und die Regierung Clinton. Darin schlug sie vor Banken zu mehr Transparenz in ihren Derivat Geschäften zu zwingen und sie gleichzeitig zu verpflichten, Reserven gegen mögliche Verluste zu bilden.

Strengere Regulierung war das Letzte wonach Goldman Sachs der Sinn stand. „Die Banken spielen verrückt – sie wollen, dass es gestoppt wird,“ sagt Michael Greenberger, der für Born als Direkter bei der CFTC arbeitete und nun Juraprofessor an der Universität Maryland ist. „Greenspan, Summers, Rubin und (der Chef der SEC Arthur) Levitt wollen, dass es gestoppt wird.“

Clintons vier Wirtschaftsweise - „vor allem Rubin“, so Greenberger – bestellten Born zu einem Treffen und besprachen den Fall. Born jedoch weigerte sich ihre Vorschläge zurück zu nehmen und setzte sich weiter für stärkere Regulierung des Derivathandels ein. Dann, im Juni, gab Rubin eine öffentliche Erklärung und sprach sich dafür aus, der Kongress solle der CFTC die Regulierungshoheit entziehen. Zwei Jahre später, 2000, verabschiedete der Kongress in seiner letzten ordentlichen Sitzung den inzwischen berüchtigten „Commodity Futures Modernization Act“. Er wurde kurz vor der Sitzung, praktisch ohne Debatte im Senat, einem 11.000 Seiten langen Gesetzentwurf hinzugefügt. Banken durften nun Derivate und (default) Swaps unter Straffreiheit handeln.

Aber es geht noch weiter. AIG, Hauptanbieter von (default) Swaps, fragte 2000 die New Yorker Versicherungsaufsicht, ob (default) Swaps in die Kategorie Versicherung fielen und damit reguliert werden müssten. Zu diesem Zeitpunkt war Neil Levin, ein ehemaliger Goldman Direktor, Chef der Behörde. Er entschied sich gegen die Regulierung. Für Goldman war damit der Weg frei, so viele Kredite zu vergeben wie irgend möglich und gleichzeitig so viele Swaps auf deren Ausfall abzuschließen wie sie wollten. Goldman drehte durch. In der Hochzeit des Immobilienbooms vergaben sie Hypotheken im Wert von 76.5$ Milliarden Dollar – ein Drittel davon im Subprime Bereich – und verkauften ein Großteil davon an Pensionskassen und Versicherungen. In diesen gigantischen Tranchen waren Müllsäcke voll wertloser Kredite.

Nehmen wir die 494$ Millionen Ausgabe des GSAMP Trust 2006-S3. Die durchschnittliche Anzahlung auf die dort zusammen gefassten Häuser betrug 0.71%. Dazu kam, dass 58% der Kredite kaum dokumentiert waren – es fehlten Namen und Adressen der Kreditnehmer, teilweise waren nur ihre Postleitzahlen vorhanden. Trotzdem stuften beide Rating Agenturen, Standard & Poors und Moody’s, 93% des Trusts auf „Investment Grade“. Moodys prophezeite nur 10% der Kredite würden ausfallen. In Wirklichkeit waren 18% nach 18 Monaten ausgefallen.

Goldman selber war dabei nicht im Risiko. Die Bank nahm vielleicht Gangster Firmen wie Countrywide ihre löchrigen Hypotheken ab und verkaufte sie umgehend an Pensionäre – alte Leute, zum Teufel – weiter, indem sie vorgab es sei eben kein wertloser Müll. Aber gleichzeitig gingen sie im selben Markt „short“, das heißt sie wetteten gegen die Produkte die sie verkauften. Schlimmer noch, Goldman brüstete sich in der Öffentlichkeit damit: „Der Hypotheken Sektor bleibt weiter unter Druck“ verkündete David Vinair, Finanzvorstand von Goldman, im Jahr 2007 „Folgerichtig haben wir unsere long Positionen wertberichtigt... Insgesamt jedoch lag unsere Gewichtung in diesem Markt auf short Positionen, und diese Gewichtung war profitabel.“ Mit anderen Worten, die Hypotheken die sie verkauften waren wertlos. Das echte Geld steckte darin gegen sie zu wetten.

„So hintertrieben sind diese Arschlöcher.“ sagt ein Hedge Fund Manager „Die anderen Banken waren einfach verblödet– sie glaubten an das was sie verkauften – und es riss sie in Stücke. Goldman wusste was es machte.“

Ich frage den Manager wie es sein könnte, dass solches Verhalten – Kunden Produkte zu verkaufen, gegen die man wettet, vor allem wenn man mehr Wissen über die Schwächen dieser Produkte hat als der Kunde – nicht unter Wertpapier Betrug fällt.

„Ganz genau das ist Wertpapier Betrug.“ Antworter er. „Es ist die Essenz von Wertpapier Betrug.“

Dieser Meinung waren schließlich auch einige geschädigte Investoren. Als ihre Kreditpakete den Bach runter gingen und man vom Platzen der Immobilienblase zu sprechen begann, wurde Goldman wie in einer Wiederholung der IPO Blase mit Prozessen überhäuft. Viele beschuldigten die Bank maßgebliche Informationen zur Qualität der einzelnen Hypotheken zurückgehalten zu haben. Behörden des Staats New York klagten gegen Goldman und 25 andere Aussteller von Hypotheken deren faule CDOs die Pensionskasse der Stadt 100$ Millionen gekostet hatten. Der Staat Massachusetts leitete im Namen 714 Geschädigter Untersuchungen gegen Goldman für ähnliche Vergehen ein. Aber wie so oft kam Goldman ziemlich unbeschadet davon. Außergerichtlich einigte man sich auf eine Zahlung von 60$ Millionen und die Einstellung aller weiteren Untersuchungen. 60$ Millionen verdiente die CDO Abteilung in Hochzeiten des Immobilienbooms in weniger als 2 Tagen.

Die Auswirkungen der Immobilienblase waren gravierend und führten mehr oder weniger direkt zum Untergang von Bear Stearns, Lehman Brothers und AIG – deren Portfolios bestanden nämlich zu großen Stücken aus Credit Swaps die sie Banken wie Goldman Sachs ausgestellt hatten. Von den Steuergeldern die AIG bekam gingen mindestens 13$ Milliarden sofort an Goldman (zur Erinnerung: genehmigt von Ed Liddy, einem ehemaligen Goldman Aufsichtsrat, eingesetzt von Finanzminister Paulson als AIG Verwalter und Inhaber von Goldman Aktien).

Goldman profitierte also auf zwei Arten von der Immobilienblase: Erst pissten sie ihren Investoren ins Gesicht indem sie ihnen Papiere verkauften gegen die sie selber gewettet hatten, dann drehten sie sich um und pissten dem Steuerzahler ins Gesicht, der diese Wetten schlussendlich bezahlen musste.

Und wieder ein Mal, während die Welt in Flammen stand, machten die Goldmänner in der Lohnabteilung einen ganz zufriedenen Eindruck. 2006 zahlte Goldman 16.9$ Milliarden an Gehältern, das sind 622.000$ pro Angestellten. Oder wie ein Goldman Sprecher erklärte, „Wir arbeiten hier sehr hart.“

Aber das Beste stand noch bevor. Während das Platzen der Immobilienblase den Großteil der Finanzwelt in Angst und Schrecken versetzte, oder hinter Gitter, erhöhte Goldman die Einsätze – und war fast im Alleingang für die nächste riesenhafte Blase verantwortlich, eine in deren Verwicklungen man Goldman bisher kaum vermutet hatte.

Blase #4 - $4 pro Gallone Benzin

Anfang 2008 war die Finanzwelt in Aufruhr. Die Wall Street hatte die letzten zweieinhalb Jahrzehnte damit verbracht einen Skandal nach dem anderen zu produzieren was dazu führte dass sie nur wenige Anlageprodukte anbieten konnte die nicht auf irgendeine Weise vorbelastet waren. Die Begriffe Junk Bonds, IPO, Subprime Hypotheken und andere ehemals heiss gehandelte Finanzprodukte waren in der öffentlichen Wahrnehmung bereits als Betrug abgestempelt, die Begriffe Credit Swaps und CDOs würden sich bald einreihen. Die Kreditmärkte waren in der Krise und das Mantra das die Fantasiewirtschaft die
Bush Jahre über aufrechterhielt – nämlich dass die Häuserpreise niemals fallen würden – erwies sich nun als zerplatzter Mythos. Die Wall Street schrie gerade nach einem neuen schwachsinnigen Verkaufsschlager.

Doch was tun? Da die Öffentlichkeit zögerte Geld in Anlagepapiere und alles mit entfernter Ähnlichkeit zu investieren, verlagerten die Wall Street Banken das Kasino still und leise in den Rohstoffmarkt, also Produkte die man anfassen kann: Mais, Kaffee, Kakao, Weizen und in erster Linie Energieträger, vor allem Öl. Im Zusammenspiel mit der Abwertung des Dollars führten die Kreditklemme und der Zusammenbruch des Häusermarktes zu einer „Flucht in Rohstoffe“. Öl Terminkontrakte im besonderen gingen durch die Decke – der Preis pro Barrel stieg von $60 Mitte 2007 bis auf den Höchststand von $147 im Sommer 2008.

In diesem Sommer lief der Präsidentschaftswahlkampf auf Hochtouren. Die akzeptierte Erklärung für den Benzinpreis von $4.11 pro Gallone war, dass es ein Problem mit dem globalen Angebot gäbe. Es war ein klassisches Beispiel dafür wie sich Republikaner und Demokraten angesichts einer Krise dumme Nichtigkeiten um die Ohren warfen. John McCain beharrte darauf, dass ein Ende des Verbots gegen Bohrungen vor der Küste „kurzfristig sehr hilfreich wäre“ während Barack Obama in der typischen liberalen Yuppiemanier entgegensetzte, dass staatliche Investitionen in Hybridautos den Weg aus der Krise ebnen würden. Aber all das waren Lügen. Auch wenn sich das globale Öl-Angebot irgendwann verringern wird, wurde die Fördermenge kurzfristig sogar gesteigert. In den sechs Monaten bevor der Preis ausschlug erhöte sich die weltweite Ölfördermenge laut der US Energiebehörde von 85.24Millionen Barrel auf 85.72Millionen Barrel pro Tag. Im gleichen Zeitraum nahm die weltweite Nachfrage nach Öl von 86.82Millionen auf 86.07Millionen Barrel pro Tag ab. Die kurzfristige Fördermenge stieg nicht nur, die Nachfrage nach Öl fiel gleichzeitig – laut der klassischen Wirtschaftslehre hätte dies zu einem Preisrückgang an den Zapfhähnen führen sollen.

Was also lösste den enormen Ausschlag des Ölpreises aus? Raten sie mal. Natürlich war Goldman nicht alleine – es gab andere Spieler im Rohstoff Markt – aber die Ursache lag vor allem im Verhalten einiger wenigen mächtige Akteure die fest dazu entschlossen waren den ehemals grundsoliden Markt in ein Zockerkasino zu verwandeln. Goldman tat dies indem sie Pensionsfonds und andere große institutionelle Investoren überredeten in Öl Terminkontrakte (Futures) zu investieren – sich also verpflichten Öl zu einem späteren Zeitpunkt zu einem festgesetzten Preis zu kaufen. Dieser Nachfragedruck verwandelte Öl -einem physischen Rohstoff der dem strengen Gesetz von Angebot und Nachfrage unterlag – in einen Spekulationsgegenstand wie zum Beispiel Aktien. Zwischen 2003 und 2008 stieg der Anteil von spekulativem Kapital im Rohstoffmarkt von $13Milliarden auf $317Milliarden – ein Anstieg von 2300 Prozent. 2008 wurde ein Barrel Rohöl durchschnittlich 27mal verkauft bevor es letztendlich ausgeliefert und konsumiert wurde.

Wie so oft gab es auch hierfür ein Gesetz aus den Zeiten der Großen Depression das verhindern sollte, dass ein solcher Fall eintritt. Der Rohstoffmarkt wurde in erster Linie entwickelt um den Farmern zu helfen. Ein Produzent konnte aus Sorge vor einem möglichen zukünftigen Preisverfall in einen Terminkontrakt eintreten, um seinen Mais zu einem festgelegten Preis zu einem späteren Zeitpunkt zu liefern – so musste er sich weniger darum sorgen große Mengen der Ernte einlagern zu müssen. Wenn niemand Mais kaufen wollte konnte der Farmer ihn an einen Mittelsman verkaufen, einen „traditionellen Spekulanten“ der ihn dann später verkaufen konnte wenn die Nachfrage wieder einsetzte. Auf diese Weise gab es für den Farmer immer einen Käufer für seine Erzeugnisse, auch wenn diese auf dem Markt gegenwärtig gar nicht nachgefragt wurden.

1936 merkte der Kongress jedoch dass es auf dem Markt niemals mehr Spekulanten geben sollte als echte Produzenten und Abnehmer. Wäre das der Fall, könnten die Preise von anderen Mechanismen als Angebot und Nachfrage beeinflusst werden was möglicherweise Marktmanipulation zur Folge hätte. Ein neues Gesetz ermächtigte die Commodity Futures Trading Commission, dasselbe Institut das später versuchen würde Credit Default Swaps zu regulieren, Grenzen für spekulative Geschäfte im Rofstoffmarkt festzulegen. Ein Ergebniss der Aufsicht durch die CFTC war, dass an den Rohstoffmärkte über 50 Jahre Ruhe und Frieden herrschte.

All das änderte sich 1991, als eine mit Rohstoffen handelnde Tochtergesellschaft von Goldman namens J.Aron fast gänzlich unbemerkt die CFTC anschrieb um ein ungewöhnliche Absprache zu treffen. Goldman argumentierte dass Farmer mit großen Maisvorräten nicht die einzigen wären die sich vor dem Risiko eines größeren Preisverfalls in der Zukunft absichern müssten. Wall Street Händler die große Wetten auf beispielsweisen den Ölpreis abgeschlossen hätten müssten ihr Risiko auch absichern können da sie Gefahr liefen viel zu verlieren.

Das war natürlich kompletter Blödsinn da, wie sie sich erinnern, das Gesetz von 1936 gerade deshalb entworfen wurde um zwischen Händlern, welche die tatsächlichen Waren kauften und verkauften und solchen Akteuren die Geschäfte nur auf Papier abschlossen, unterschieden werden sollte. Aber die CFTC kaufte Goldman dieses Argument wie auf wundersame Weise ab. Es stellte der Bank einen Freifahrtschein aus, die sogenannte „Bona Fide Hedging“ Ausnahme, welche es Goldmans‘ Tochtergesellschaft erlaubte von sich zu behaupten sich gegen physische Ausfälle abzusichern und damit quasi alle Einschränkungen für Spekulaten zu umgehen. In den folgenden Jahren stellte die Komission in aller Stille noch 14 weitere Ausnahmeregelungen an andere Unternehmen aus.

Von nun an stand es Goldman und andere Banken frei mehr und mehr Investoren an die Rohstoffmärkte zu führen und somit Spekulationen immer größerer Ausmaße abzuschliessen. Dieser Brief von 1999 führte mehr oder weniger direkt zu der Spekulationsblase im Ölmarkt im Jahr 2008, als die Anzahl der Spekulanten im Markt, getrieben von der Angst vor einem fallenden Dollar und der Krise am Häusermarkt, die Zahl der physischen Anbieter und Konsumenten letztlich erdrückte. 2008 waren laut einem Kongressmitarbeiter, der die Zahlen untersuchte, mindestens drei viertel der Aktivitäten an den Rohstoffbörsen spekulativer Art – und das ist wohl noch eine konservative Schätzung. Mitte letzten Sommer zahlten wir jedes mal wenn wir am Zapfhahn standen trotz steigendem Angebot und einer fallenden Nachfrage $4 pro Gallone Benzin.

Noch verwunderlicher ist, dass der Brief an Goldman, zusammen mit den anderen Handelsausnahmeverfügungen, mehr oder weniger geheim ausgestellt wurde. „Ich war der Leiter der Abteilung für Handel und Märkte und Brooksley Born war der Vorsitzende des CFTC“ sagt Greenberger, „und keiner von uns beiden wusste, dass dieser Brief existierte.“ Diese Briefe kamen vielmehr nur durch Zufall ans Licht. Letztes Jahr befand sich ein Mitarbeiter des House Energy and Commerce Committee zufällig in einem Meeting als Vertreter des CFTC ohne weiteres auf diese Ausnahmeregelungen hinwiesen.

„Ich wurde zu einem Meeting von der Kommission über Energie eingeladen“ erinnert sich der Mitarbeiter. „Und plötzlich, mittendrin, erzählen sie: „Ja, wir stellen diese Briefe jetzt schon seit Jahren aus.“ Ich hob meine Hand und sagte: „Wirklich? Sie haben ein Schreiben ausgestellt? Kann ich es sehen?“ Und sie drückten sich. So ging es hin und her bis sie schliesslich sagten: „Wir müssen das mit Goldman Sachs besprechen.“ Darauf ich: „Was meinen sie – sie müssen es mit Goldman Sachs besprechen?“ Das CFTC führte eine Regel an die es ihnen verbat Informationen über die gegenwärtige Marktposition eines Unternehmens zu veröffentlichen. Aber die Anfrage des Mitarbeiters bezog sich auf ein Schreiben das vor 17 Jahren ausgestellt wurde. Es hatte rein gar nichts mit der gegenwärtigen Marktposition von Goldman Sachs zu tun. Darüber hinaus berechtigt Sektion 7 des Rohstoffgesetzes von 1936 den Kongress von der Kommission jegliche Informationen zu erhalten. Beispielhaft für den großen Einfluss von Goldman auf die Regierung, wartete die CFTC jedoch bis sie die Freigabebestätigung von der Bank erhielt bevor sie das Schreiben aushändigte. Gerüstet mit einer quasi geheimen Ausnahmegenehmigung von Staat wurde Goldman zum obersten Architekten dieses gigantischen Rohstoffkasinos. Der Goldman Sachs Rohstoff Index, welcher die Preise der 24 meistgehandelten Rohstoffe abbildet, aber hauptsächlich zum Ölpreis hin gewichtet ist, wurde für Pensionsfonds, Versicherer und andere institutionelle Anleger die Möglichkeit riesige langjährige Wetten auf die Rohstoffpreise abzuschliessen. Was im Großen und Ganzen in Ordnung war, bis auf ein paar Kleinigkeiten. Ein Problem war, dass Index Spekulanten überwiegend „long-only“ Anleger waren die fast nie Short-Positionen aufbauten, was bedeutet, dass sie nur auf steigende Preise wetteten. Während dieses Verhalten im Aktienmarkt positiv zu bewerten ist, ist es im Rohstoffmarkt verheerend da es die Preise ständig nach oben treibt. „Hätten Index Spekulanten sowohl Short als auch Long Positions aufgebaut, hätten sie die Preise in beide Richtungen beeinflusst“ sagt Michael Masters, ein Hedge-Fond Manager der half die Rolle von Investmentbanken bei der Manipulation des Ölpreises aufzudecken. „Aber sie schoben den Preis nur in eine Richtung: Nach oben.“

Was die Sache noch verschlimmerte war die Tatsache, dass Goldman den Anstieg des Ölpreises noch mit aller Macht anfeuerte. Anfang 2008 sagte Arjun Murti, ein Goldman Analyst der von der New York Times als „Ölorakel“ gepriesen wurde, einen absoluten Höchststand des Ölpreises vorraus und prognostizierte einen Preisanstieg auf $200 pro Barrel. Zu diesem Zeitpunkt besaß Goldman durch seine Rohstoff Tochtergesellschaft J. Aron große Positionen im Ölmarkt. Sie besaßen auch einen Anteil an einer Ölraffinierie in Kansas wo sie das Rohöl mit dem sie handelten lagerten. Obwohl die Ölförderung mit der Nachfrage Schritt hielt, warnte Murti fortdauernd vor einer Störung der globalen Ölförderung und ging sogar soweit zu verkünden, dass er selbst zwei Hybridautos besitze. Die hohen Preise, beteuerte die Bank, lägen an den wenig umweltbewussten amerikanischen Verbrauchern. 2005 behaupteten Goldman Analysten, dass man nicht wüsste wann der Ölpreis fallen würde, „solange die amerikanischen Verbraucher benzinschluckende SUV’s anstatt verbrauchsärmeren Alternativen kauften.“ Aber es war nicht der tatsächliche Verbrauch von Öl, der die Preise steigen ließ – es war der Papierhandel mit Öl. Im Sommer 2008 hatten Rohstoffspekulanten Terminkontrakte auf Öl von über 1.1Milliarden Barrel gekauft, was bedeutete, dass Spekulanten auf dem Papier mehr Öl besassen als in allen kommerziellen Lagerstätten des Landes und der strategischen Benzinreserve zusammen tatsächlich vorhanden war. Es war eine Wiederholung sowohl des Internetwahnsinns als auch der Immobilienblase – als die Wall Street riesige Gewinne in der Gegenwart einstrich in dem sie irgendwelchen Dummen Anteile an einer fiktiven Fantasiewelt von morgen, mit endlos steigenden Preisen, verkaufte. Nach dem mittlerweile vertrauten Muster stellte sich auch für diese Öl bzw. Rohstoff Melone im Sommer 2008 eine harte Landung ein, die einen massiven Wertverlust nach sich zog. Der Preis für Rohöl viel von $147 auf $33. Wieder einmal waren die einfachen Leute die größten Verlierer. Die Pensionäre deren Altersvorsorge in diesem Schlamassel unter die Räder kam – CalPERS, die Rentenvorsorge der kalifornischen Beamten, hatte zum Zeitpunkt des Einbruchs $1.1Milliarden in Rohstoffen angelegt. Und der Schaden bezog sich nicht allein aufs Öl. Die durch die Rohstoffblase steigenden Nahrungsmittelpreise führten auf weiten Teilen der Erde zu Katastrophen, trieben 100 Millionen Menschen in den Hunger und entfachten überall in der Dritten Welt Aufstände wegen Nahrungsmittelknappheit.

Mittlerweile steigt der Ölpreis wieder – er stieg um 20% im Mai und hat sich seit Jahresbeginn schon fast verdoppelt. Der Grund sind auch dieses Mal nicht Angebot und Nachfrage. „Das Angebot an Öl ist das höchste in den letzten 20 Jahren“ sagt der Abgeordnete Bart Stupak, ein Demokrat aus Michigan, der im Energieaussschuss des Repräsentantenhauses sitzt. „Die Nachfrage ist auf einem 10-Jahres tief – und trotzdem steigen die Preise.“

Auf die Frage warum Politiker weiterhin auf Ölbohrungen und Hybridautos verweisen, obwohl Angebot und Nachfrage nichts mit den hohen Preisen zu tun haben, schüttelt Stupak den Kopf. „Ich denke sie verstehen das Problem einfach nicht gut genug“ sagt er. „Man kann das Problem nicht in 30 Sekunden erklären, also ignorieren sie es.“

Blase # 5 – Manipulation des Rettungspakets

Nach dem Platzen der Öl Blase im letzten Herbst gab es keine neue Blase um die Geschäfte am Laufen zu halten. Dieses Mal schien das Geld wirklich weg zu sein, im Sinne von ganz weg, weltweite Depression, die Pfründe ausgetrocknet. Also zog die Finanzkohorte weiter und das einzige wehrlose Opfer auf das man sich noch stürzen konnte, das waren die unbewachten Dollars der Steuerzahler. Hier, in diesem größten Bail Out der Geschichte ließ Goldman dann richtig seine Muskeln spielen.

Es begann im September 2008, als der damalige Noch-Finanzminister Paulson eine Serie von folgenschweren Entscheidungen traf. Obwohl Paulson ein paar Monate vorher Bear Stearns gerettet hatte und ebenfalls half die quasi-privaten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac zu retten, entschied er sich Lehman Brothers – einen der letzten verbliebenen Rivalen von Goldman Sachs – kollabieren zu lassen. „Goldmans Superhelden Status blieb intakt“, sagt Marktanalyst Eric Salzmann „und ein Investment Banking Rivale, Lehmann, verschwindet.“

Direkt am nächsten Tag gab er sein OK zu einem $85 Milliarden Rettungspaket für AIG. Davon zahlte AIG $13 Milliarden die sie Goldman schuldeten. Dank dem Rettungspaket erlitt Goldman keinerlei Ausfälle bei seinen Wetten. Für jeden Dollar bekamen sie 100 Cent zurück. Im Gegensatz dazu: Die Chrysler Pensionäre können froh sein, wenn sie nach der Rettung 50 Cent für jeden Dollar den ihnen ihre alte Firma schuldet bekommen.

Sofort im Anschluss an die AIG Rettung gab Paulson den 700$ Milliarden Plan zur Unterstützung der Finanzindustrie bekannt, genannt Troubled Asset Relief Program (kurz TARP). Zum Verwalter des TARP Funds bestimmte er Neel Kashkari, einen bis dato unbekannten Goldman Banker.

Um Geld aus dem TARP Fund in Anspruch nehmen zu können konvertiere Goldman von einer Investment Bank zu einer Bank Holding Company. Abgesehen von den $10 Milliarden aus dem TARP Fund hatte Goldman damit ebenfalls Zugang zu weiterem Geld aus öffentlichen Quellen, am aller wichtigstem dem Diskontfenster der FED (Federel Reserve). Bis Ende März wird die FED mindestens $8.7 Billionen zur Stabilisierung der Finanzindustrie verliehen oder garantiert haben – und dank eines obskuren Gesetzes das der FED erlaubt die meisten Buchprüfungen des Kongress abzublocken bleiben sowohl die genauen Summen als auch die Empfänger der Gelder praktisch vollkommen im Dunkeln.

Sich zu einer Bank Holding Company umzuwandeln hat noch andere Vorteile: Goldmans Hauptinspektor ist nun die New Yorker Fed, dessen Vorsitzender war zum Zeitpunkt der Umwandlung Stephen Friedman, ein ehemaliges Vorstandsmitglied von Goldman Sachs. Friedman verstieß eigentlich gegen geltende Vorschriften als er trotz seiner Position als Hauptinspektor von Goldman im Aufsichtsrat der Bank verblieb. Um das Problem zu beheben bewarb er sich für einen „Conflict of Interest Waiver“ der Regierung– ein Schein, der ihn vom Vorwurf des Interessenkonflikts befreit. Diesen Schein bekam er auch. Friedman wäre ebenfalls dazu verpflichtet gewesen alle seine Goldman Aktien zu verkaufen, als Goldman eine Bank Holding wurde. Seine Interessenkonfliktsbefreiung verhinderte das und er kaufte noch mal 52.000 Stück, die ihm inzwischen gute 3$ Millionen einbrachten. Friedman gab seinen Posten im Mai ab, der Mann der jetzt für Goldman als Chef der New Yorker Fed verantwortlich ist, ist William Dudley, ein ehemaliger Goldman Banker.

Der Schluss den all dies erlaubt: Was Goldman betrifft kann von einem freien Wettbewerb keine Rede sein. Die Regierung lässt andere Marktteilnehmer vielleicht zu Grunde gehen, aber sie wird unter keinen Umständen erlauben, dass Goldman etwas zustößt. Aus einem kleinen Marktvorteil ist plötzlich eine Art Gott gegebenes Privileg zur Übervorteilung geworden. „In der Vergangenheit war ihr Vorteil impliziter Natur,“ sagt Simon Johnson, ein Professor am MIT und früher Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds, der den Bail Out mit dem Junta-Kapitalismus der Dritten Welt vergleicht, „jetzt ist es ein expliziter Vorteil.“

Als die Rettungspakete in Position waren ging Goldman wieder zur normalen Geschäftemacherei über und schaute wie es die letzten Fleischreste aus dem Amerikanischen Skelett picken könnte. Einer der ersten Schritte war in aller Stille den Kalender zu verschieben nachdem es seine Jahresbilanz veröffentlicht, und dadurch den Dezember 2008 – mit $1.3 Milliarden Verlust vor Steuern – aus den Büchern zu entfernen. Zur gleichen Zeit gab die Bank einen Gewinn von $1.8 Milliarden für das erste Quartal 2009 bekannt – viel davon waren Steuergelder aus der AIG Rettung, die an Goldman gingen. „Die Quartalszahlen sind frisiert wie Elvis Presley,“ sagt ein Hedge Fund Manager. „Die Verluste sind im Waisen Monat Dezember versteckt und das Geld aus den Rettungspakten nennen sie Gewinn.“

Zwei weitere Zahlen aus dieser erstaunlichen Kehrtwende im ersten Quartal stechen heraus. Die Bank zahlte $4.8 Milliarden in Boni und Abfindungen in den ersten 3 Monaten des Jahres, 18% mehr als im ersten Quartal 2008. Und sofort nach Bekanntgabe des 1. Quartalsergebnisses gaben sie Aktien im Wert von $5 Milliarden aus. Zusammen genommen bedeuten diese Zahlen: Goldman lieh sich mitten in der Weltwirtschaftskrise, die sie mit verursachten, einen $5 Milliarden Zahltag in dem sie Investoren frisierte Bilanzen vorlegten.

Noch verblüffender: All das geschah kurz bevor die Regierung die Ergebnisse ihres Belastungstests für Banken, die planten TARP Gelder zurück zu zahlen, bekannt gab – was Nahe legt dass Goldman wusste was auf sie zu kommt. Die Regierung versuchte die Rückzahlung der Gelder vorsichtig zu dirigieren, damit Banken die nicht gleich zahlen konnten weitere Turbulenzen erspart blieben. Aber Goldman setzte sich über solche Bedenken brüsk hin weg.

„Sie schienen alles was der Stresstest beinhaltete schon zu wissen bevor er raus kam, im Gegensatz zu allen anderen,“ sagt Michael Hecht, ein Direktor von JMP Securities. „Die Regierung kam und sagte: Um TARP zurück zu zahlen müsst ihr .... – was Goldman bereits getan hatte, ein oder zwei Wochen zu vor.“

Und jetzt kommt die eigentliche Pointe. Nachdem Goldman eine maßgeblich Rolle in vier geschichtsträchtige Blasen spielte, nachdem $5 Billionen an Wert von der NASDAQ verschwunden waren, nachdem sie tausende von wertlosen Hypotheken auf Pensionäre und Stadtkassen abgeladen hatten, nachdem sie künstlich den Öl Preis auf $4 pro Gallone gejagt hatten und hunderte Millionen von Menschen auf dem ganzen Erdball durch ihre Rohstoff Spekulationen in den Hunger getrieben worden waren, nachdem sie sich Milliarden von Steuergeldern aus Rettungspaketen gesichert hatten, die ihr ehemaliger Vorstandsvorsitzender genehmigt hatte, was gab Goldman Sachs zurück an die Amerikanische Bevölkerung im Jahre 2008?

14 Millionen Dollar.

Das ist was Goldman 2008 an Steuern zahlte. Das entspricht einem effektiven Steuersatz von 1%, ausgeschrieben, einem Prozent. In Boni und Abfindungen wurden im gleichen Jahr $10 Milliarden ausgeschüttet. Gewinn machte die Bank $2 Milliarden. Dennoch zahlte sie weniger als ein Drittel des Gehalts ihres CEO Lloyd Blankfein an Steuern. Der bekam im letzten Jahr $42.9 Millionen.

Wie ist das möglich? Zufolge Goldmans Bilanz ist der niedrige Steuersatz vor allem auf eine Veränderung des „geographic earning mix“ zurück zu führen. Das bedeutet, Goldman schob das Geld so lange hin und her, bis die Gewinne in Ländern mit niedrigen Steuersätzen angefallen waren. Dank dem katastrophal undurchdachten System zur Unternehmensbesteuerung in Amerika können Firmen wie Goldman ihre Gewinne in Steueroasen auslagern und so die Besteuerung bis in alle Ewigkeit verschleppen. Deshalb findet jede Firma deren Buchhalter wenigstens ab und zu nüchtern ist normalerweise einen Weg keine Steuern zu bezahlen. Eine GAO Untersuchung ergab, dass zwischen 1998 und 2005 ca. zwei Drittel aller in den USA operierenden Firmen keine Steuern abführten.

Es hätte ein Aufschrei der Empörung durchs Land gehen müssen – aber irgendwie sagte kaum einer was, als Goldman seine Post-Rettungspaket Steuererklärung abgab. Lloyd Dogget, ein Demokrat aus Texas, der im Haushaltsausschuss sitzt, war einer der wenigen die diese Sauerei kommentierten: „Während sie mit der rechten Hand um Rettungspakete betteln,“ sagte er, „verstecken sie es mit der linken in Steuerparadiesen.“

Blase # 6 - Erderwärmung

Und heute? Es ist Anfang Juni in Washington, D.C. Barack Obama, ein beliebter junger Politiker dessen führender privater Wahlkampfspender eine Investmentbank names Goldman Sachs ist – die Angestellten spendeten $981,000 für seinen Wahlkampf – sitzt im Weissen Haus. Nachdem sie das politische Minenfeld des Rettungspakets scheinbar ungeschadet umschifft haben, kehrt Goldman wieder zum alten Geschäft zurück und sucht mit Hilfe einer neuen Besetzung von ehemaligen Mitarbeitern in Schlüsselpositionen in der Regierung nach Lücken in einem neuen, staatlich geregelten Markt. Hank Paulson und Neel Kashkari sind Vergangenheit, an ihre Stelle treten der Stabschef des Finanzministeriums Mark Patterson und CFTC Leiter Gary Gensler, beide ehemalige Goldmanites. (Gensler war Co-Abteilungsleiter für Finanzen.)

Und anstelle von Kreditderivaten, Öl-Futures oder hypothekengesicherten CDOs tritt eine neue Blase, ein neues großes Spiel - das Geschäft mit Kohlenstoffzertifikaten, ein boomender Billiarden Dollar Markt der bisher kaum existiert. Dieser Markt wird kommen, wenn die Demokraten, die in der letzten Wahl mit $4,452,585 von Goldman unterstützt wurden, es schaffen diese bahnbrechende neue Rohstoffblase entstehen zu lassen, als „Umweltschutzentwurf“ namens „cap-and-trade“ (dt. „Beschränken und Handeln“) getarnt. Der neue Markt für Kohlenstoffzertifikate ist faktisch eine Wiederauflegung des Rohstoffmarkt-Kasinos, welches es mit Goldman so gut meinte, mit Ausnahme eines delikaten kleinen Kniffes. Wenn der Plan wie erwartet umgesetzt wird, werden die Preissteigerungen von der Regierung beschlossen. Goldman muss sich den Markt nicht einmal selbst zurechttüffteln. Er wird von vorneherein manipuliert.

Und so funktioniert es: Wenn das Gesetz verabschiedet wird, treten für Kohlekraftwerke, Versorger, Erdgasförderer und andere Industrien Obergrenzen für die jährlichen Kohlenstoffemissionen in Kraft. Wenn die Unternehmen die ihnen zugebilligten Emissionsgrenzen überschreiten, können sie Anteile bzw. Kontingente von anderen Unternehmen erwerben deren Ausstoß unter der ihnen zugebilligten Obergrenze liegt. Präsident Obama schätzt zurückhaltend dass in den ersten 7 Jahren Kohlenstoffemissionszertifikate im Wert von etwa $646Milliarden versteigert werden. Einer seiner höchsten wirtschaftlichen Berater geht davon aus dass der wirkliche Wert doppelt oder dreifach so hoch ausfallen könnte. Ein Merkmal dieses Gesetzesentwurfs, welches bei den Spekulaten besonderen Anklang findet, ist dass die Obergrenze des Kohlenstoffausstoßes kontinuierlich von der Regierung gesenkt wird, was bedeutet, dass die Kohlenstoffzertifikate mit jedem Jahr rarer werden. Das bedeutet, dass sich in diesem brandneuen Rohstoffmarkt die hauptsächlich gehandelte Ware mit der Zeit garantiert verteuern wird. Das jährliche Marktvolumen wird über einer Billionen Dollar liegen. Nur zum Vergleich – der Jahresumsatz aller Energieversorger in den USA zusammen beträgt $320 Milliarden.

Goldman will dass dieses Gesetz in Kraft tritt. Der Plan ist 1.) beim Entwurf solcher grundsatzverschiebenden Gesetze mit am Tisch zu sitzen, 2.) sicherzustellen dass sie ein gewinnbringendes Stück an diesem neuen Kuchen abbekommen und 3.) sicherzustellen dass es ein großes Stück ist. Goldman hat sich lange für „cap-and-trade“ stark gemacht, aber die Dinge kamen erst letztes Jahr richtig ins Rollen als Goldman $3.5Millionen für Klimaänderungslobbyisten ausgab. (Einer der Lobbyisten damals war kein anderer als Patterson, jetzt Stabschef im Finanzministerium) Damals, 2005, als Hank Paulson Goldman noch leitete, half er persönlich dabei die Umweltschutzrichtlinien des Unternehmens zu entwerfen – ein Dokument das einige überraschende Ausszüge enthielt für ein Unternehmen, das sich in allen anderen Geschäftsbereichen von je her gegen jede Form von staatlicher Einmischung gewehrt hatte. In Paulsons‘ Bericht wurde argumentiert, dass „freiwilliges Handeln allein den Klimawandel nicht stoppen könnte.“ Wenige Jahre später bestand Ken Newcombe, in der Bank für den Kohlenstoffemissionshandel verwantwortlich, darauf, dass „cap-and-trade“ alleine nicht aussreiche um dem Klimawandel entgegenzutreten und forderte weitere staatliche Investitionen in die Forschung. Was Goldman natürlich entgegenkommen würde wenn man bedenkt, dass sie früh in Windkraft (sie kauften eine Tochtergesellschaft namens Horizon Wind Energy), erneuerbare Kraftstoffe (sie sind in einem Unternehmen namens Changing World Technologies investiert), und Solarenergie (sie schlossen sich mit BP Solar zusammen) investierten – genau die Geschäftsfelder die davon profitieren würden wenn die Regierung Energieproduzenten dazu zwingen würde saubere Energie zu produzieren. Wie Paulson damals sagte: „Wir machen diese Investitonen nicht um Geld zu verlieren.“

Der Bank gehört ein 10%iger Anteil an der Chicago Climate Exchange (dt. Chicago Klimabörse) an welcher die Kohlenstoffemissionszertifikate gehandelt werden sollen. Desweiteren besitzt Goldman eine Minderheitsbeteiligung an Blue Source LLC, einer Firma aus Utah welche genau die Kohlenstoffzertifikate verkauft die stark nachgefragt werden falls das Gesetz verabschiedet werden sollte. Nobelpreisgewinner Al Gore, der mit der Planung von „cap-and-trade“ bestens vertraut ist, gründete mit den drei ehemaligen Goldman Asset Management Schwergewichten David Blood, Mark Ferguson und Peter Harris eine Firma namens Generation Investment Management. Ihr Geschäftsmodell? Investitionen in Entlastungszertifikate für Kohlenstoffemissionen. Dann gibt es da noch einen $500Millionen Green Growth Fond eines ehemaligen Goldman Mitarbeiters der in umweltfreundliche Technologien investiert... die Liste geht weiter und weiter. Aber Goldman ist den Schlagzeilen schon wieder einen Schritt vorraus und wartet nur darauf, dass ihnen jemand wieder einen Geldregen beschert. Wird dieser Markt größer sein als der für Rohstoffterminkontrakte? „Oh, er wird ihn in den Schatten stellen“ meint ein ehemaliger Mitarbeiter des Energieausschusses.

Sie fragen sich vielleicht - was solls? Wenn cap-and-trade erfolgreich umgesetzt wird, schützt es uns dann nicht alle vor den Folgen der Erderwärmung? Vielleicht – aber cap-and-trade, so wie Goldman es sich vorstellt, ist in Wirklichkeit nur eine Steuer auf Kohlenstoffemissionen die so strukturiert ist, dass private Interessen davon profitieren. Anstatt einfach eine festgesetzte Abgabe für den Kohlenstoffausstoß an die Regierung einzuführen und damit umweltverschmutzende Energieproduzenten zur Kasse zu bitten, erlaubt cap-and-trade einer kleinen Bande geldgieriger Wall-Street Schurken einen weiteren Rohstoffmarkt in einen privaten, mit Steuergeldern finanzierten, Selbstbedienungsladen zu verwandeln. Und das ist schlimmer als das Rettungspaket: Es erlaubt der Bank das Geld der Steuerzahler an sich zu reissen bevor es überhaupt eingesammelt ist.

„Wenn es eine Steuer werden soll würde ich es bevorzugen dass Washington sie festlegt und einsammelt“ sagt Michael Masters, der Hedge-Fund Manager der sich gegen die Spekulation mit Öl-Terminkontrakten ausgesprochen hat. „Stattdessen erlauben wir der Wall-Street die Steuer festzulegen und einzusammeln. Das ist für mich das Allerletzte. Es ist einfach idiotisch.“

Cap-and-trade wird umgesetzt werden. Und wenn nicht das, dann eben etwas Ähnliches. Die Moral der Geschichte ist die gleiche wie bei allen anderen Spekulationsblasen zwischen 1929 und 2009. Fast immer wurde genau die Bank, die sich jahrelang rücksichtslos verhalten und das System mit vergifteten Krediten und räuberischen Schuldscheinen niedergedrückt hatte, die keine Werte geschaffen hatte, abgesehen von riesigen Bonusahlungen an ein paar wenige Bosse, belohnt mit Bergen an Geld das praktisch umsonst war – während die eigentlichen Opfer dieses Schlamassels, die einfachen Steuerzahler, die Rechnung begleichen müssen. Es ist nicht einfach die Realität zu akzeptieren – dass wir diesen Leuten immer wieder erlauben damit durchzukommen. Es stellt sich eine Art kollektives Verdrängen ein wenn ein Land das durchmacht was die USA in den letzten Jahren durchmachen mussten, wenn ein Volk soviel Prestige und Status verliert wie wir in letzter Zeit. Man kann nicht so einfach akzeptieren, dass man nicht länger Bürger einer der wohlhabendsten Demokratien der entwickelten Welt ist, dass man auch am helllichten Tage in aller Öffentlichkeit ausgeraubt werden kann, denn wie ein Amputierter fühlt man immer noch diesen Phantomschmerz von etwas längst Vergangenem.

Aber so ist es. Dies ist die Welt in der wir jetzt leben. Und in dieser Welt müssen manche von uns nach den Regeln spielen während andere vom Rektor eine Entschuldigung für die Hausaufgaben bekommen und darüber hinaus noch $10Milliarden Taschengeld um sich etwas schönes zu kaufen. Es ist ein korrupter Staat der auf einem korrupten Wirtschaftssystem aufgebaut ist – nicht mal auf die Preise kann man noch vertrauen – mit jedem Dollar zahlt man versteckte Steuern. Und vielleicht können wir es nicht verhindern, aber zumindest sollten wir wissen wohin das alles führt.

Kommentare:

  1. Aus dem Englischen, Originalartikel:
    http://www.rollingstone.com/politics/story/29127316/the_great_american_bubble_machine/1

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  2. Eine andere Übersetzung ins Deutsche gibt es hier:
    http://www.0815-info.de/News-file-article-sid-10546.html

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